Universität zu Köln

Observation inflation: Deine Handlungen werden zu meinen. Verwechslung von Selbst und Anderem bei der Erinnerung an Handlungen.

Lindner, Isabel (2009) Observation inflation: Deine Handlungen werden zu meinen. Verwechslung von Selbst und Anderem bei der Erinnerung an Handlungen. PhD thesis, Universität zu Köln.

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    Abstract

    Falsche Erinnerungen an die Ausführung einfacher Handlungen sind nicht nur wissenschaftlich interessante, sondern auch praktisch relevante Phänomene. So kann die falsche Erinnerung daran, die Tür abgeschlossen oder den Herd ausgestellt zu haben, gravierende Konsequenzen im Alltag entfalten. Experimentell sind derartige Gedächtnistäuschungen bis dato ausschließlich durch Vorstellungen hervorgerufen worden. Unter Einnahme einer rein kognitionspsychologischen Perspektive wurde der sog. imagination-inflation-Effekt vorrangig als Resultat einer Fehlattribution von durch die Vorstellung generierten, sensorischen Eindrücken (z.B. vorgestellten Geräuschen) interpretiert. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass das Vorstellen nicht nur als eine Form der perzeptuellen, sondern auch der motorischen Simulation der Handlungsausführung begriffen werden kann. Derartigen Studien zufolge werden auch beobachtete Handlungen motorisch simuliert (�gespiegelt�), so dass eine Überschneidung derjenigen motorischen Areale existiert, die während Ausführung, Vorstellung und Beobachtung aktiviert sind. Zudem existiert eine Überlappung auf sensorischer Ebene; so können z.B. Geräusche sowohl der eigenen als auch der fremden Handlungsausführung entstammen (sowie vorgestellt sein). Vor dem Hintergrund dieser Ähnlichkeiten wurde der Frage nachgegangen, ob auch die Beobachtung � ebenso wie die Vorstellung � von Handlungen zu falschen Erinnerungen an die Ausführung dieser Handlungen führen kann. In drei Studien wurden jungen Erwachsenen zunächst einfache Handlungsanweisungen - wie �Schütteln Sie die Flasche!� - präsentiert, und sie wurden gebeten, diese entweder auszuführen oder nicht auszuführen. Anschließend wurden einige ausgeführte und einige nicht ausgeführte Handlungsanweisungen erneut präsentiert. Einer Gruppe von TeilnehmerInnen wurden gleichzeitig Videos dargeboten, die eine andere Person bei der Ausführung der beschriebenen Handlungen zeigten, und sie wurden instruiert, die Videos zu beobachten. Andere (Kontroll-) Gruppen von TeilnehmerInnen sollten die Handlungsanweisungen auf andere Arten verarbeiten (z.B. sie nur lesen). Zwei Wochen später erfolgte die Abfrage, bei der Quellengedächtnisurteile für die Handlungsausführung (ausgeführt � nicht ausgeführt) erhoben wurden. Im Vordergrund der Analyse standen falsche Erinnerungen an die Handlungsausführung, d.h. �ausgeführt�-Urteile auf Handlungsanweisungen, die de facto nicht ausgeführt, aber in der zweiten Phase erneut verarbeitet (z.B. beobachtet oder gelesen) worden waren. Ein zum imagination-inflation- analoger observation-inflation-Effekt konnte innerhalb aller drei Experimente nach Beobachtung eines Gegenübers nachgewiesen werden, während Verarbeitungsformen, die keine sensorischen bzw. motorischen Repräsentationen hervorrufen sollten (Lesen, Generieren der Handlungsanweisungen), nicht zu einem Anstieg falscher Erinnerungen führten. Der Effekt persistierte, wenn vor dem Abruf eine zusätzliche Instruktion zur Quellenprüfung bzw. eine Warnung ausgesprochen wurde. Er war sogar dann nachweisbar, wenn die Überlappung sensorischer Repräsentationen von Ausführung und Beobachtung minimiert wurde. Wurde allerdings der soziale Charakter der Beobachtungssituation reduziert (Beobachtung aus der 1.- anstatt der 2.-Person-Perspektive), verringerte sich das Ausmaß falscher Erinnerungen � obwohl die sensorische Überlappung von Ausführung und Beobachtung in dieser Bedingung maximiert war. Demnach scheint dem Effekt eine Fehlattribution von sensorischen und/ oder motorischen Repräsentationen zugrunde zu liegen, wobei letztere möglicherweise den kritischeren Faktor darstellen könnten. Zukünftige Studien, die neben behavioralen auch neuronale Daten erfassen, sind notwendig, um den Beitrag beider Mechanismen näher zu beleuchten. Die reine Vertrautheit mit den Handlungsanweisungen und der Informationsursprung (internal vs. external) scheinen insgesamt keine Rolle bei der Erzeugung der falschen Erinnerungen zu spielen. Diese Befunde werden durch Daten ergänzt, die an älteren TeilnehmerInnen gewonnen wurden und vermuten lassen, dass diese ihre Erinnerungsurteile bzgl. der Handlungsausführung ebenfalls nicht auf Vertrautheit basieren. Inwiefern bei dieser Population � im Gegensatz zu den jungen Erwachsenen � neben der Qualität auch die Evaluation der Erinnerungsspuren zu der Gedächtnistäuschung beiträgt, und welche Rolle sensorische respektive motorische Repräsentationen spielen, ist in weiteren Studien zu ergründen.

    Item Type: Thesis (PhD thesis)
    Translated abstract:
    AbstractLanguage
    False memories of having performed simple actions are not only scientifically interesting, but also practically relevant. Falsely remembering having locked the door or switched off the stove can cause serious trouble in everyday life. Previous experimental studies have exclusively focused on imagination to induce this kind of memory illusion. Adopting a cognitive perspective, the so-called imagination-inflation effect has preferentially been explained as resulting from a misattribution of the sensory representations formed through imagination (e.g., an imagined sound). However, neuroscientific research has shown that imagination can not only be interpreted in terms of perceptual but also in terms of motor simulation of action performance. In line with this research, it has also been shown that the observation of another person performing an action leads to matching (�mirrored�) motor representations in observers � i.e. there is an overlap of motor areas in the brain which are activated by action execution, imagination, and observation. Also, there is a sensory overlap between the three processes � e.g. a sound might be generated through one�s own or another�s action performance (as well as through imagination). Given these similarities, one question which arises is whether observation � just as imagination � of action performance may cause false memories of self-performance. In three experiments, younger adults were presented with simple action statements like �shake the bottle� and asked to perform or not to perform these actions. Afterwards, some of the action statements that they had performed and some of the action statements that they had not performed before were presented, again. In addition, one group of participants was shown videos of another person performing the described actions and was asked to observe these videos. Other (control-) groups processed the actions differently (e.g., only read action statements). Two weeks later at retrieval, they did a source-memory test for action performance (performed � not performed). Analysis focused on false memories of action performance, i.e. performed-responses to action statements which had in fact not been performed, but processed (e.g., observed, read) again in the second phase of the study. Analogously to imagination, observation of another person performing simple actions robustly produced false memories of self-performance. Other kinds of processing the actions which were not supposed to elicit sensory or motor representations (reading and generating action statements) did not lead to this kind of memory illusion. The so-called observation-inflation effect persisted despite warnings, instructions to focus on cues of self-performance at test, and minimization of sensory overlap of performance and observation. However, the effect decreased when the social character of the observed actions was diminished, i.e., with observation from a 1st-person (vs. 2nd-person) perspective � even though sensory overlap was maximized under this condition. All in all, the observation-inflation effect in younger adults seems to be driven by a misattribution of sensory and/or motor representations, although the latter might be more critical than the former. Further studies, including those involving neuroscientific methods, are necessary to further disentangle both mechanisms. Mere familiarity with the action statements, and the origin of the memory trace (internal vs. external), do not seem to play a role in causing this kind of false memory. These findings are complemented by an experiment with older adults. The results suggest that older adults do not base their memory for action performance on mere familiarity, either. Further research is needed to examine the potential role of the evaluation of memory traces and the relative contribution of sensory and motor representations to the reported memory illusion in this population.English
    Creators:
    CreatorsEmail
    Lindner, Isabelisabel.lindner@uni-koeln.de
    URN: urn:nbn:de:hbz:38-28565
    Subjects: Psychology
    Uncontrolled Keywords:
    KeywordsLanguage
    Gedächtnistäuschung, Erinnerung an Handlungen, imagination inflation, Simulation, Vorstellung vs. BeobachtungGerman
    memory illusion, action memory, imagination inflation, simulation, imagination vs. observationEnglish
    Faculty: Philosophische Fakultät
    Divisions: Philosophische Fakultät > Psychologisches Institut
    Language: German
    Date: 2009
    Date Type: Completion
    Date of oral exam: 16 July 2009
    Full Text Status: Public
    Date Deposited: 29 Oct 2009 10:53:50
    Referee
    NameAcademic Title
    Hussy, WalterProf. Dr.
    URI: http://kups.ub.uni-koeln.de/id/eprint/2856

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