Universität zu Köln

Boni Island - Holozäne Landschaftsdynamik und Mensch-Umwelt-Beziehung am Vierten Nil-Katarakt (Nord-Sudan)

Ritter, Mathias (2012) Boni Island - Holozäne Landschaftsdynamik und Mensch-Umwelt-Beziehung am Vierten Nil-Katarakt (Nord-Sudan). PhD thesis, Universität zu Köln.

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    Abstract

    Der Vierte Nil-Katarakt im Nord-Sudan ist im Jahr 2008 im Hamdab-Stausee untergegangen. Geowissenschaftlich und archäologisch bislang kaum erforscht, stellte er eine einzigartige landschaftliche Versuchsanordnung dar. Am Beispiel der Insel Boni, die für die vorliegende Studie vor der Flutung im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 389 untersucht wurde, wird gezeigt, dass die tektonisch angelegte Kleinkammerung des Reliefs und die nachfolgende, periodisch und saisonal stark wechselnde fluviale und äolische Morphodynamik die Grundvoraussetzungen für die Landschaftsgenese und damit das Nutzungspotential für den Menschen im späten Holozän darstellen. Erstmalig wurde für den gesamten Vierten Katarakt eine topographische Karte im Maßstab 1:100 000 auf Basis neuer lagegenauer Daten erstellt. Durch den kombinierten Einsatz von DGPS, hochauflösenden Satellitenbildern, morphologischen Kartierungen und der sediment-stratigraphischen Untersuchung von Leitprofilen konnte anhand von ausgewählten Typuslokalitäten eine Übertragung der morphologischen Befunde und Landnutzungstypen auf die gesamte Insel umgesetzt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass das im Basementgestein angelegte prä-existente Relief auf Boni bereits seit dem Eem wechselnde Sedimentations-, Erosions- und Stabilitätsphasen erfuhr. Phasen verstärkter lokaler fluvialer Aktivität wechselten sich mit Perioden gleichmäßiger ferngesteuerter Sedimentation ab und wurden mehrfach von Zeiten äolischer Dominanz unterbrochen. Die Kleinteiligkeit des Reliefs führte zu enormen Unterschieden in Art und Umfang der rekonstruierten Akkumulations- und Erosionsprozesse auf engstem Raum. Die fluviale Aktivität konzentrierte sich ab dem mittleren Holozän zunehmend auf die schmale Nil-Aue. Morphometrische Detailuntersuchungen belegen, dass die Einschneidung des Nil und der damit verbundenen Tieferlegung der lokalen Erosionsbasis zum einen Terrassenkörper schuf, und zum andern die Längsprofile kleinerer Tributärwadis im Unterlauf kräftig versteilte. Das ehemalige Talbodenniveau konnte zudem durch Sedimente und Molluskenfunde, die durch die Vermessung mittels DGPS in ihrer Höhenlage entsprechend mit den Terrassen und Wadiprofilen korreliert wurden, rekonstruiert werden. Archäologische Funde belegen die Anwesenheit des Menschen auf Boni Island bereits ab dem Mittleren Pleistozän. Von einer intensiven Nutzung der Insel durch den Menschen kann jedoch erst ab etwa 1800 v.u.Z. gesprochen werden. Der Erhaltungszustand eines Kerma-zeitlichen Gräberfeldes (1840-1570 cal BC) deuten auf eine Stabilität der Oberfläche seit mindestens seiner Anlage hin. Somit hat die Ausgestaltung des landschaftlichen Gefügemosaiks bereits vor 1800 v.u.Z. stattgefunden, und das damalige morphologische Inventar entsprach weitgehend dem heutigen. Das enge Nebeneinander von ökologischen Gunst- und Ungunstbereichen bildet die Basis für das rekonstruierte Nutzungspotential und die Mensch-Umwelt-Interaktion auf Boni. Sediment-Verfügbarkeit (Gründigkeit), und Zugang zum Nil-Wasser wurden als entscheidende Faktoren identifiziert. Speziell angepasste Nutzungsstrategien ermöglichten die optimale Inwertsetzung des Potenzials der morphologisch differenzierten Aue und der Kulturterrasse unter Ausnutzung des hydrologischen Jahresgangs des Nil. Dagegen ist außerhalb des Nil-Tals die Hyperaridität der prägende Faktor für die morphologischen Prozesse und die Nutzung durch den Menschen nur eingeschränkt möglich. Die Zusammenschau der Ergebnisse ermöglicht die Erfassung des komplexen und kleingekammerten Gefügemosaiks der Landschaft am Vierten Nil-Katarakt, die Rekonstruktion vorzeitlicher und aktueller Nutzungspotentiale und schließlich eine modellhafte und damit übertragbare Betrachtung auch im Hinblick auf die Auswirkungen aktueller und zukünftig geplanter Nil-Staudammprojekte.

    Item Type: Thesis (PhD thesis)
    Translated abstract:
    AbstractLanguage
    The Fourth Cataract of the Nile in northern Sudan was flooded by the new Hamdab reservoir in 2008. This geoscientifically and archaeologically barely explored landscape formed a unique natural setting. The presented pre-flooding case study from Boni Island shows that the tectonically induced landform fragmentation is appa¬rently the most distinctive factor for landscape formation and its human utilization in Late Holocene. For the first time a complete map in scale 1:100,000 was generated for the Fourth Cataract containing new and precise data. Applying differential GPS (DGPS) and high-resolution satellite imagery (QuickBird) at representative type localities enabled a transfer of morphological features and land use types on the whole island of Boni. Phases of alternating sedimentation and accumulation processes with intercalated periods of surface stability since the Eemian are observed. Intense local fluvial activity changed into enormous siltation controlled by remote climatic influence of the Nile´s head water region and was intermittently interrupted by times of hyperarid eolian dominance. Geo-archives show that landform fragmentation caused a high diversity in sedimentation and conservation of these accumulations, their erosion respectively. Since the Middle Holocene fluvial activity is restricted to the Nile valley flood plain. Detailed morphometric analyses show a lowering of the erosion base of the Nile followed by incision into older sediments forming terraces or cause a steepening of tributary wadi´s lower sections. DGPS-recorded sediments and mollusk finds in corresponding heights above the present Nile this down cutting into this previous surface. Although human presence on Boni Island since the Late Pleistocene is documented by a small number of finds, stability of the landscape surface can be assumed for a period from 1800 BC on. The state of preservation of several archaeological sites dating back at least to this time support this idea. The most important steering factors limiting agrarian land use are the occurrence of utilizable sediments and the access to periodically rising and falling Nile waters. The high fragmentation of the landscape causes a mosaic-like pattern of closely adjoining ecologically favorable and unfavorable conditions. Human-environmental interaction is closely related to a limited set of landscape units offering adequate conditions for highly specialized forms of land use. This means that the major landscape formation on Boni Island took place prior to 1800 BC and people inhabited an environment similar to present day conditions with a similar land use potential. Outside the Nile valley hyper aridity forms the dominant factor for morphological processes and land use.English
    Creators:
    CreatorsEmail
    Ritter, Mathiasmathias.ritter@uni-koeln.de
    URN: urn:nbn:de:hbz:38-49581
    Subjects: Earth sciences
    Geography and travel
    Uncontrolled Keywords:
    KeywordsLanguage
    Sudan, Nil, Katarakt, Holozän, Landschaft, Staudamm, Geomorphologie, Geo-ArchäologieGerman
    Sudan, Nile, Cataract, Holocene, Landscape, Dam, Geomorphology, Geo-archaeologyEnglish
    Faculty: Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
    Divisions: Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät > Geographisches Institut
    Language: German
    Date: 2012
    Date Type: Publication
    Date of oral exam: 16 April 2012
    Full Text Status: Public
    Date Deposited: 03 Jan 2013 14:05:18
    Referee
    NameAcademic Title
    Radtke, UlrichProf. Dr.
    Brückner, HelmutProf. Dr.
    Bubenzer, OlafProf. Dr.
    URI: http://kups.ub.uni-koeln.de/id/eprint/4958

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