Universität zu Köln

Schulverweigerung als individuelle entwicklungsbezogene Bewältigungsstrategie zwischen Risikoverhalten und Resilienzbildung. Ressourcenorientierung in der Arbeit mit Schulverweigerern im Rahmen von Hilfen zur Erziehung nach dem SGB VIII am Beispiel der Flex-Fernschule

Heckner, Thomas (2013) Schulverweigerung als individuelle entwicklungsbezogene Bewältigungsstrategie zwischen Risikoverhalten und Resilienzbildung. Ressourcenorientierung in der Arbeit mit Schulverweigerern im Rahmen von Hilfen zur Erziehung nach dem SGB VIII am Beispiel der Flex-Fernschule. PhD thesis, Universität zu Köln.

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    Abstract

    Der Abschluss der Schule stellt in allen zivilisierten Nationen für die jungen Menschen zwischen dem 14. und 19. Lebensjahr eine gesellschaftlich vorgegebene Entwicklungsaufgabe dar. Das Verfehlen dieses Entwicklungsziels geht mit starken Einbußen im Selbstwertgefühl einher, während die positive Annäherung daran eine Zunahme der Zufriedenheit mit sich selbst nach sich zieht (PINQUART et al. 2004; OEHME 2007). Seit gut hundert Jahren ist die Schulverweigerung Gegenstand der For-schung verschiedener humanwissenschaftlicher Disziplinen. Neuere Arbeiten erschienen überwiegend im Bereich der Sonderpädagogik (NEUKÄTER u. RICKING 1997; SCHULZE u. WITTROCK 2001; WARZECHA 2001; RICKING 2007) und der schulbezogenen Jugendsozialarbeit (THIMM 2000a; PUHR 2001 et al., 2003; OEHME 2007). Die vorliegende Arbeit leistet für den Fachdiskurs nach Kenntnis des Autors den ersten Beitrag aus der Perspektive der Erziehungshilfe. In der Schulabsentismusforschung dominierte in den letzten beiden Jahr-zehnten die systemische Perspektive. Anstelle individualpsychologischer defektologischer Interpretationen analysierte man die Wechselwirkungen innerhalb komplexer intra- und interindividueller Zusammenhänge (THIMM 2000 a; SCHULZE u. WITTROCK 2001). Rekonstruktionen der Binnenperspektive der betroffenen jungen Menschen mithilfe qualitativer Forschungsverfahren führten zu einer weiteren Präzisierung. Sie akzentuieren die Schulverweigerung als subjektiv sinnhaftes Handeln im Streben nach Bewältigung vorhandener Problemstellungen und beurteilen dieses Handeln mit Verweis auf die entwicklungspsychologische Forschung als entwicklungsphasentypisches Bewältigungshandeln (PUHR 2003; OEHME 2007). An diese Entwicklungslinie der Forschung schließt die vorliegende Arbeit an. Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr die Interpretation des Phänomens Schulverweigerung, sondern die Analyse der Voraussetzungen, die zur Überwindung des Vermeidungshandelns und damit zur Wiedererlangung von Teilhabechancen beitragen. Die vorliegende Studie interpretiert und begründet die Schulverweigerung als individuelle Bewältigungsstrategie. Ist der Fokus auf die im Jugendalter typischen Probleme gerichtet, stellt sich das Bewältigungshandeln als problemlösendes Entwicklungshandeln (Coping) dar, wie es für die Bearbeitung von entwicklungsphasentypischen Lebensaufgaben beschrieben ist (STÄUDEL u. WEBER 1988; GOMEZ et al. 1999; COMPAS et al. 1999; HECKHAUSEN 2002; PINQUART u. GROB 2008). Es verliert damit die klinische Konnotation, die Bewältigungshandeln eher als eine nur für eine Subgruppe typische Reaktion auf traumatische Ereignisse versteht (BERG et al. 1998). Gleichwohl sind maladaptive Bewältigungsstrategien mit Entwicklungsrisiken und mit einer Gefährdung der Gesundheit verbunden (SEIFFGE-KRENKE 2000). Vor diesem Hintergrund begründet die vorliegende Studie inhaltlich und rechtlich die in der Praxis vielfach bestrittene Zuständigkeit der Erziehungshilfe (SCHLEIFFER u. Müller 2002; PINQUART u. GROB 2008; SCHLEIFFER 2009; BUNDESVERWALTUNGSGERICHT, Urteil vom 26.11.1998). Aus der Perspektive der Resilienzforschung sieht die Studie die Entwicklung der betroffenen jungen Menschen in einer veränderlichen Balance zwischen Risikoverhalten und inneren wie äußeren Schutzfaktoren, die zur Resilienzbildung beitragen. Indem der Aufbau von Resilienz als Ziel der Erziehungshilfe definiert wird, fokussiert die Studie die Stärken und Widerstandskräfte der jungen Menschen und ihrer sozialen Umgebung. Hierbei bezieht sie sich auf einen erweiterten Ressourcenbegriff, der vorhandene oder zugeschriebene Potentiale einbezieht (PETERMANN u. SCHMIDT, 2006; KLEMENZ 2003). Teilhabestreben, Motivation, Selbstwirksamkeit und soziale Unterstützung werden als Ressourcenbereiche eingeführt und begründet. Dabei zeigt sich, dass eine an den Stärken orientierte Pädagogik die Bedeutung von Unterstützungs-systemen betont und nicht deren Abbau impliziert (OPP u. FINGERLE 2008). Enge Beziehungen zu Menschen, die Sicherheit geben und bei der Lösung von Problemen behilflich sind, werden als vornehmliche Stütze bei der Bewältigung von Problemen beschrieben (FISCHER 2009). Dieses Konzept wird auf den Abschluss der Schule als Entwicklungsaufgabe angewandt. Die Studie beschreibt Strategien sozialer Unterstützung, die geeignet sind, maladaptive Bewältigungsstrategien zu überwinden, indem sie jungen Menschen helfen, sich mit den eigenen Fähigkeiten und mit den Menschen ihrer Umgebung neu zu verbinden und neue, erfolgreichere Muster der Bewältigung zu erlernen (HÜTHER 2008; FINGERLE 2008; FISCHER 2009). Das Beispiel der Flex-Fernschule verdeutlicht die konstitutionellen und konzeptionellen Voraussetzungen und die methodisch inhaltlichen Aspekte derartiger Strategien. Der empirische Teil der vorliegenden Arbeit fragt im Anschluss an die theoretischen Darlegungen nach den Grundlagen einer erfolgreichen Förderung von Schulverweigerern. Er fokussiert dabei die Situation von Absolventen, Ehemaligen und Lernenden der Flex-Fernschule. Das Streben nach gesellschaftlicher Teilhabe, die Motivation zum Lernen und der tägliche Anreiz beim Lernen, die Überzeugung von der eigenen Selbstwirksamkeit und die individuelle Unterstützung durch soziale Netzwerke werden hinsichtlich ihrer Relevanz und ihrer Wirkung als Ressourcenbereiche untersucht. Der erste empirische Teil fragt nach den Sichtweisen der Betroffenen. Daher kommen qualitative Verfahren zur Anwendung, die Erhebungsmethode ist das problemzentrierte Interview nach WITZEL (1982, 1985). Der Interviewleitfaden ist so angelegt, dass der narrative Charakter der Untersuchungsmethode im Vordergrund steht (ebenda). In der offenen Gesprächssituation explorieren die Interviewten subjektive Bedeutungsstrukturen, die im Interviewleitfaden nicht vorgesehen waren. Die Auswertung der vollständig verschriftlichten Interviews erfolgt durch eine qualitative Inhaltsanalyse. Hierbei wird das Material zusammengefasst und strukturiert. Durch Reduktion werden die wesentlichen Inhalte herausgearbeitet. Die subjektiven Einschätzungen der Interviewten werden im Ergebnis herausgefiltert und fallübergreifend gebündelt, um einen für den angestrebten Theorieabgleich brauchbaren Datenbestand zu erhalten (MAYRING 2010). Der zweite empirische Teil stellt die Perspektive des Forschers in den Vordergrund. Diese schließt an den im Theorieteil dargestellten aktuellen Forschungsstand an. Dort wurden vier Ressourcenbereiche als theoretische Konstrukte begründet und als Grundlage der Förderung von Schulverweigerern identifiziert. Das Risiko-Resilienz-Konzept wurde auf das „Modell eines Kontinuums von Schulbiographien zwischen Scheitern und Gelingen“ angewandt (OPP u. FINGERLe 2008). Durch die Verbindung der vier ausgewählten ressourcenbezogenen Kon-strukte mit diesem Modell wurde eine eigenständige Theoriebildung reali-siert. Das darin zum Ausdruck gebrachte Vorverständnis des Autors wird in Hypothesen präzisiert, deren Überprüfung der zweite Forschungsteil dient. Es kommen teilstandardisierte Fragebögen als quantitative Methode der Datenerhebung zur Anwendung (BORTZ u. DÖRING 2006 252ff). Die Auswertung erfolgt deskriptiv und analytisch-inferenzstatistisch (a.a.O. 76ff). Zum Abschluss des empirischen Forschungsteils werden im Rahmen einer Methoden- und Theorie-Triangulation die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung mit denen des quantitativen Teils in Bezug gesetzt und miteinander verglichen. Während der qualitative Forschungsanteil die Sicht der befragten jungen Menschen in den Vordergrund stellt, ist der quantitative Zugang stärker durch die Perspektive des Autors bestimmt. Der qualitative Zugang hebt stärker auf Prozessaspekte ab, während die quantitativen Messinstrumente die strukturellen Aspekte betonen. Der Abgleich der Daten trägt zur Validität und zur Reliabilität der Ergebnisse bei. Ergänzt durch die quantitativ gemessenen Ergebnisse wird die Allgemeingültigkeit der aus den Inter-views abgeleiteten Aussagen erhöht. Umgekehrt werden die quantitativen Daten durch qualitative Erkenntnisse einer besseren Interpretation zugänglich gemacht. Bei der abschließenden Zusammenfassung der Ergebnisse wird der Beitrag der Studie zur Schulabsentismusforschung aus der Perspektive der Erziehungshilfe einer kritischen Würdigung unterzogen. Es geht um die Übertragbarkeit der Ergebnisse. Fragen, die sich als Aufgabe für die weiterführende Forschung ergeben, schließen die Arbeit ab.

    Item Type: Thesis (PhD thesis)
    Creators:
    CreatorsEmail
    Heckner, Thomasheckner@flex-fernschule.de
    URN: urn:nbn:de:hbz:38-49750
    Subjects: Psychology
    Social sciences
    Education
    Uncontrolled Keywords:
    KeywordsLanguage
    SchulverweigerungUNSPECIFIED
    ResilienzUNSPECIFIED
    RessourceUNSPECIFIED
    CopingUNSPECIFIED
    Hilfe zur ErziehungUNSPECIFIED
    Faculty: Humanwissenschaftliche Fakultät
    Divisions: Heilpädagogische Fakultät
    Language: German
    Date: January 2013
    Date Type: Publication
    Date of oral exam: 12 December 2012
    Full Text Status: Public
    Date Deposited: 23 Jan 2013 14:03:33
    Referee
    NameAcademic Title
    Fischer, KlausProf. Dr.
    Knab, EckhartPD Dr.
    URI: http://kups.ub.uni-koeln.de/id/eprint/4975

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