Giandrini, Riccardo (2025). Franz Kafka, Menschenbild und Bildungstheorie in zeitlicher Perspektive. PhD thesis, Universität zu Köln.

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Abstract

ANTHROPOLOGIE UND BILDUNG 1. EINE UNTERSUCHUNG DES ANTHROPOLOGIEBEGRIFFS IM LAUFE DER ZEIT. KAFKA ALS SCHNITTPUNKT VON LITERATUR, ANTHROPOLOGIE UND BILDUNG. 1.1. BEMERKUNGEN ZUR METHODE DIESER LEKTÜRE - WARUM AUSGERECHNET KAFKA? DEUTUNGSMETHODE, TEXTAUSWAHL Für die vorliegende Arbeit zu Kafka und dessen literarischer Welt habe ich mich für eine bestimmte Untersuchungsmethode entschieden, genauer gesagt für eine bestimmte Art und Weise einer kafkaschen Lektüre. Diese Entscheidung traf ich aufgrund meines Ziels, das dieser meiner Arbeit zugrunde liegt: dieses besteht darin, dem anthropologischen und dem pädagogischen Denken Kafkas auf die Spur zu kommen und Verknüpfungen herauszuarbeiten. Bei meinem Vorhaben verfolge ich einen explorativen und experimentellen Ansatz und greife auf unterschiedliche Disziplinen zurück, wodurch ein facettenreiches und vielschichtiges Porträt des Prager Schriftstellers und ein Durchdringen seines literarischen Universums möglich wird. Zu diesen Disziplinen gehören die Pädagogik, die Philosophie, die Religion, die Literaturwissenschaft usw. In Anlehnung daran ist mein Vorhaben so zu beschreiben, so dass diese Lektüremethode bzw. Deutungsmethode eine Mischung aus Hermeneutik und Dekonstruktion darstellt: 1. die Hermeneutik ist als Methode ein systematisiertes, praktisches Verfahren, um Texte auf reflektierte Weise zu verstehen und auszulegen; die hermeneutische Methode wird nämlich sowohl in der Philosophie, als auch in Theologie, Rechtswissenschaft sowie in den Sozial-, Geschichts-, Musik-, Kunst- und Literaturwissenschaften angewendet: die Hermeneutik geht davon aus, dass Texte keinen objektiven, ein für alle Mal feststehenden Inhalt haben, sondern vom Leser/der Leserin vor dem Hintergrund seiner Zeit, seiner Erfahrung und Einstellung gelesen und interpretiert werden können ; so als ob ein Text eine Tiefe bzw. ein Ausmaß besitzen würde, die bzw. das sogar dem Verfasser selbst unerreichbar und unbewusst bliebe, und auf genau diese müsse sich die Forschung des Kritikers und des Lesers richten. 2. Der Begriff ‚Dekonstruktion’ hingegen, der auf den algerisch-französischen Philosophen Jacques Derrida (1930-2004) zurückgeht, ist bis heute stark umstritten, weil er nicht nur gängige Auffassungen von Literatur und Sprache radikal in Frage stellt, sondern zugleich auch die unausgesprochenen Voraussetzungen unseres Denkens unter die Lupe nimmt. Zudem sieht sich das Konzept ‚Dekonstruktion’ immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, selbstreflexiv und zirkulär um die immer gleichen Themen zu kreisen, ohne neue Erkenntnisse zu ermöglichen. ‚Dekonstruktion’ meint nach Derrida die konstitutive und notwendige Unmöglichkeit eindeutigen und endgültigen Verstehens mittels Sprache. Derrida zufolge ist Sprache nie eindeutig, weil sich kein Wort eindeutig einer Bedeutung zuordnen lässt. Das, was wir zu verstehen glauben, wenn wir ein Wort hören oder lesen, ist ein von uns im jeweiligen Moment konstruiertes Verständnis, das sich entsprechend auch wieder de-konstruieren lässt. In anderen Worten ausgedrückt: etwas vorher Konstruiertes wird rückgängig gemacht, so dass sich zeigen lässt, dass demselben Wort mit gleicher Berechtigung auch andere Bedeutungen zugeschrieben werden können. Das Anliegen von ‚Dekonstruktion’ ist also das Entschlüsseln der Konstruktion bzw. der Konstruiertheit des Sinnes in einem Text. Dabei treten die zu Grunde liegenden Bedingungen und Annahmen einer jeden Lesart zu Tage; der Leser gewinnt Einsicht in die „Gemachtheit“ seiner eigenen Bedeutungszuschreibung und letztendlich die Freiheit, eine neue zu konstruieren. Dieser letzte Schritt allerdings ist nicht mehr originär dekonstruktiv, er wird vielmehr durch vorangegangene Dekonstruktion ermöglicht. Dazu kann man auch hinzufügen, wie sich die Dekonstruktivisten um den Nachweis bemühen, dass – und vor allem: wie – ein Text seine Bedeutung selbst hinterfragt, durchkreuzt und gerade mit solchen Paradoxien Sinn schafft, z.B. durch Widersprüche zwischen inhaltlicher Aussage und sprachlicher Form. Die Methode der Dekonstruktion ist ein kritisches Hinterfragen und Auflösen eines Textes im weiteren Sinn . Da mein deklariertes Ziel also darin besteht, Spuren des anthropologischen als auch des pädagogischen Denkens von Kafka herauszuarbeiten, könnte es gerade dieser Unterschied zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion ermöglichen, diesen Spuren auf den Grund zu gehen und Kafkas Auffassungen zu erhellen. Der Unterschied zwischen einer hermeneutischen und dekonstruktiven „Textbefragung“ besteht darin, dass die Hermeneutik von einem quasi dialogischen Verhältnis zwischen Text und Interpret ausgeht, das auf ein zunehmend besseres Verständnis einer im Text enthaltenen Botschaft abzielt. Dabei wird eine rekonstruierbare Sinneinheit, ein Sinnzusammenhang, unterstellt. Dieses (hermeneutische) fast „dialogische” Verhältnis zwischen Text und Interpret auf der einen Seite und das (dekonstruktive) Hinterfragen und Auflösen eines Textes im weiteren Sinn auf der anderen Seite scheinen mir schließlich als die zwei passenden literarturtheoretischen Zugänge, um Kafka und dessen Werke zu entziffern.

Item Type: Thesis (PhD thesis)
Creators:
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Giandrini, Riccardo
r.giandrini@russell-fontana.edu.it
UNSPECIFIED
UNSPECIFIED
URN: urn:nbn:de:hbz:38-798549
Date: 2025
Language: German
Faculty: Faculty of Human Sciences
Divisions: Faculty of Human Sciences > Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften > Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik
Subjects: Philosophy
Psychology
Education
Uncontrolled Keywords:
Keywords
Language
Kafka
German
Bildung
German
Identitaet
German
Mensch
German
Tier
German
Date of oral exam: 26 November 2025
Referee:
Name
Academic Title
Zirfas, Joerg
Prof. Dr. phil.
Refereed: Yes
URI: http://kups.ub.uni-koeln.de/id/eprint/79854

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