Rottlaender, Eva-Maria (2018). Überwachen und Strafen im deutschen Schulsystem. PhD thesis, Universität zu Köln.

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Abstract

Michel Foucault (1926-1984) hat innerhalb seiner genealogischen Schaffensphase in den Werken Die Ordnung des Diskurses, die Macht der Psychiatrie und Überwachen und Strafen zentrale Mechanismen und Prozeduren herausgearbeitet, die in diesen Institutionen zu einer Disziplinierung der Individuen führen. Als eine produktive Form der Macht sind diese Prozeduren und Mechanismen dazu geeignet, bestimmte Arten des Subjekt-Seins hervorzubringen. Das besondere an dieser Form der Macht ist es dabei, dass sie sich über Formen der äußeren Kontrolle und Bestrafung ins Innere der Individuen einschreibt und diese veranlasst im Laufe der Verweildauer innerhalb dieser Institutionen bestimmte Technologien des Selbst zu entwickeln, ihre eigene Freiheit einzuschränken und nach den Regeln und Normen der Institution zu handeln, die zu ihren eigenen wurden. Eine konzipierende Rolle schreibt Foucault innerhalb der Etablierung diesen neuen Machttypus den Humanwissenschaften zu. Das Aufkommen und die Etablierung dieser im 19. Jahrhundert machen es erst möglich, diese neue Form der Machtausübung in die Gesellschaft zu implementieren. Es ist eine Macht, die sich in den Zwischenräumen der Interaktionen zwischen Arzt und Patient*in in der Psychiatrie und zwischen Insasse und Aufseher*in im Gefängnis zeigt, als auch in den Strukturen der Architektur dieser Institutionen und ihrer verwaltungstechnischen Abläufe. Foucault selbst hat in seinen Werken immer wieder erwähnt, dass all das, was er nun für die Psychiatrie, die Klinik und das Gefängnis ausführt, auch auf die Werkstätten und Schulen anwendbar seien. Diesem Vorhaben wird in der vorliegenden Arbeit wie folgt nachgegangen: Kapitel 1 arbeitet den Wandel von der Herrschaft des Königs hin zu einer Herrschaft der Sprache heraus, die in der Wirkmächtigkeit der Diskurse deutlich wird. Diese Wirkmächtigkeit besteht darin, dass Diskurse nicht frei sind, sondern durchtränkt sind von Machtansprüchen, die uns als Einschließungs- und Ausschließungsmechanismen begegnen. Für die Analyse der Vorlesung Die Ordnung des Diskurses ist in diesem Zusammenhang in Bezug auf die Schule in Kapitel 2 herauszustellen, wie Diskurse innerhalb der Institution Schule ein- und ausgeschlossen werden und welche „äußeren“ Diskurse innerhalb der Bildungspolitik Einfluss darauf nehmen. Kapitel 3 stellt auf der Grundlage der Vorlesungen Foucaults über Die Macht der Psych- iatrie deren zentrale Aspekte heraus, die die Psychiatrie als Institution konstituieren, aufrechterhalten und funktionieren lassen. Elementar ist dabei die Konstruktion der Beziehung zwischen Patienten*innen und dem Anstaltspersonal sowie die Verortung der Psychiatrie in der Gesellschaft: ihre räumliche Abgeschiedenheit und ihre inner-räumliche Parzellierung. Die Überwachungs-, Disziplinierungs- und Heilungstechniken werden hinsichtlich der Fra- gestellung einer „objektiven Realität“ der psychiatrischen Erkrankung kritisch betrachtet. In Übertragung dieser Analysen werden in Kapitel 4 die Grundzüge der historischen Gewachsenheit des deutschen Schulsystems nachgezeichnet. Foucault spricht in Bezug auf die Psychiatrie von historischen Entwicklungen, ausgehend vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Diese Zeitspanne wird ebenfalls in Bezug auf die deutsche Schulgeschichte sowohl hinsichtlich der Struktur des Schulwesens als auch in Bezug auf deren Rolle innerhalb der Gesellschaft untersucht. Zentral ist auch hier – analog zum Arzt-Patienten*innen-Verhältnis – die Beziehung zwischen Schüler*innen und dem Lehrpersonal, die meist durch Dressur, Gewalt und Gehorsam gekennzeichnet war. Bezüge zum Christentum und zur kulturellen Entwicklung werden aufgezeigt. Kapitel 5 zeichnet die körperzentrierten Analysen von Foucaults Überwachen und Strafen nach und stellt die besondere Architektur des Gefängnisses als Panopticon heraus. Dabei wird vor allem auf die räumliche und zeitliche Struktur des Gefängnisses als Institution eingegangen, die den reibungslosen Ablauf dieser sichert und zu einer immerwährenden Aufsicht und Kontrolle der Individuen führt. Durch die Einbeziehung der Ebene des Körpers und der Verschmelzung zwischen Körperkonstruktion und Subjektkonstruktion kann die Wirkmächtigkeit dieser Prozesse im Sinne von sich etablierenden Technologien des Selbst nachgezeichnet werden. Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit und der damit einhergehenden thematischen Zentrierung habe ich meine Analysen in Bezug auf das Foucaultʼsche Werk im Kern auf seine Arbeiten bis einschließlich Überwachen und Strafen begrenzt – wohl wissentlich, dass sich im Spätwerk Foucaults mit den Arbeiten zur Gouvernementalität und Bio-Politik eine weitere Verschiebung in Bezug auf die Betrachtung des Subjekts vollzieht. Der Fokus meiner Arbeit liegt jedoch weit mehr auf den mannigfaltigen Arten und Formen der Disziplinarmacht. In Kapitel 5.7. werden die Begrifflichkeiten Subjekt und Individuum aus dem Werk Überwachen und Strafen herausgearbeitet und überblicksartig skizziert, in welcher Form diese in Foucaults Spätwerk transformiert bzw. differenziert werden. Es wird an entsprechender Stelle auf weiterführende Literatur verwiesen. In Bezug auf die Schule werden in Kapitel 6 deren körperliche und räumlichen Dimensionen herausgestellt, die sich als Subjektformationen darstellen, die Schüler*innen annehmen (müssen), um erfolgreich im Schulsystem sein zu können. Unter Bezugnahme der Geschichte des Schulbaus in Deutschland kann die Verwobenheit zwischen architektonischer und räumlicher Gestaltung und den Technologien des Selbst erläutert werden.

Item Type: Thesis (PhD thesis)
Creators:
CreatorsEmailORCID
Rottlaender, Eva-Mariae.rottlaender@uni-koeln.deUNSPECIFIED
URN: urn:nbn:de:hbz:38-83049
Subjects: Philosophy
Social sciences
Public administration
Education
Medical sciences Medicine
Architecture
Geography and history
Uncontrolled Keywords:
KeywordsLanguage
Foucault, Schule in Deutschland, Entstehung des deutschen Schulsystems, produktive Macht, Technologien des Selbst, Dispositiv, Sexualitätsdispositiv, Diskurs, Schulgeschichte Deutschland, Überwachen und Strafen, Panopticon, Anerkennung, Beziehung zwischen Arzt*in – Patient*in, pädagogsicher Machtraum, schwarze Pädagogik, Gewalt in deutschen Schulen, koedukative Erziehung, Geschichte des Schulbaus, Schularchitektur, Schulaufsicht, Preußen und das deutsche SchulsystemUNSPECIFIED
Faculty: Faculty of Human Sciences
Divisions: Faculty of Human Sciences > Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften - Institut II für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften
Language: German
Date: June 2018
Date of oral exam: 16 May 2018
Referee:
NameAcademic Title
Reich, KerstenProf. Dr.
Neubert, StefanProf. Dr.
References: Autorin: Eva-Maria Rottlaender, *1983, studierte Diplom-Erziehungswissenschaften an der Universität zu Köln. Nach ihrem Studium arbeitete sie in verschiedenen pädagogischen Institutionen, als auch in der Schulverwaltung der Stadt Duisburg. Schon in ihrem Studium hat sie als Tutorin die Freude am Unterrichten für sich entdeckt und ist dieser durch Lehraufträge und freiberufliche Tätigkeiten als Dozentin kontinuierlich nachgegangen. Darüber hinaus hat sie sich im Bereich der Methodik und Didaktik von Hochschullehre innerhalb der Erwachsenenbildung umfangreich weitergebildet. Seit 2014 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Hochschuldidaktik (ZHD) der Universität zu Köln. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind interdisziplinäres Lehren und Lernen, Methoden-und Medien-Vielfalt für die Lehre entwickeln, mit allen Sinnen lernen, sowie Gender und Diversity. Eva-Maria Rottlaender lebt in Köln.
Refereed: Yes
URI: http://kups.ub.uni-koeln.de/id/eprint/8304

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