Herb, Elisabeth
(2025).
Das Skalpell in der modernen Kunst
Chirurgie im Bild
(1920 bis 2020).
PhD thesis, Universität zu Köln.
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Abstract
Das Thema „Chirurgie in der Kunst“ wurde von Medizinhistorikern bislang in zahlreichen Studien bis zur Epochengrenze um 1918 untersucht. Wissenschaftliche Untersuchungen zu Repräsentationen operativer Eingriffe aus der künstlerischen Moderne finden sich hingegen bis heute nur vereinzelt und meist in kasuistischer Form. Ziel der vorliegenden Dissertation ist es daher, erstmals einen materialreichen Überblick zu bildlich gestalteten Operationsszenen der vergangenen 100 Jahre zu geben, diese Werke sowohl in den Kontext der Chirurgie- als auch der Kunstgeschichte einzuordnen und damit eine bestehende Forschungslücke zu schließen. Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet dabei die Annahme, dass „erfundene“ Interventionen mit einer gewissen Latenzzeit reale Entwicklungen im Fachgebiet widerspiegeln, emotionale und kognitive Wirkungen auf das Laienpublikum ausüben und nicht zuletzt das „public image“ der Disziplin beeinflussen. Mithilfe selbst erstellter Ein- und Ausschlusskriterien und durch eine gezielte, mehrsprachige Schlagwortsuche gelang es zunächst, einschlägige Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen, Graphiken und Murals vorrangig über Suchmaschinen, OPACs und Bilddatenbanken zu identifizieren. Darauf wurden digitale Kopien beschafft, chronologisch geordnet und jedes Kunstwerk anhand Leitfragen beschrieben, jeweils mit einer Kurzbiographie des Künstlers bzw. der Künstlerin. Dank einer stringenten Gliederung verteilen sich diese Bildbeschreibungen gleichmäßig auf sechs Kapitel. Bei der qualitativen und quantitativen Analyse des Gesamtkorpus lag ein besonderes Augenmerk auf medizinischen und kunstwissenschaftlichen, geschlechterhistorischen sowie kulturgeschichtlichen Aspekten. Zwischen 1920 und 2020 entstanden weltweit mindestens 78 Kunstwerke, die „Surgeons in Action“ zeigen, darunter Arbeiten von Otto Dix, Christian Schad, Jackson Pollock und Barbara Hepworth. Stilistisch reicht das Spektrum vom Postexpressionismus bis zur Pop Art. Manche Künstler hospitierten in Krankenhäusern oder verarbeiteten eigene Erfahrungen als Patienten, um chirurgische Szenen darzustellen. Motivisch dominieren Eingriffe im Bauchraum und am Bewegungsapparat, gefolgt von thorax- und neurochirurgischen Szenen. Besonders häufig stammen die Werke aus Großbritannien, din USA und dem deutschsprachigen Raum. Ikonographisch imponiert oft ein konzentrischer Bildaufbau: Die Hände der Operateure im Zentrum, umgeben von einem Ensemble medizinischer Funktionsträger sowie Instrumenten, Maschinen und anderem OP-Equipment in der Peripherie. Bei synoptischer Betrachtung der Gemälde von den 1920er Jahren bis ins frühe 21. Jahrhundert lassen sich sechs zentrale Entwicklungen im Bildraum erkennen: (1.) der Wandel 10 vom heroischen Einzelchirurgen hin zu einem kooperierenden Team einschließlich Assistenten, OP-Schwestern/-Pflegern und anderen Berufsgruppen; (2.) das nahezu vollständige Verschwinden des Patientenkörpers; (3.) die wachsende Prominenz technischer Gerätschaften, auch im Sinne endoskopischer und minimalinvasiver Verfahren; (4.) der unaufhaltsame Siegeszug der Hygienemaßnahmen; (5.) das rückläufige Auftreten von Narkosefiguren und -apparaturen; (6.) eine bestenfalls geringe Zunahme weiblicher Protagonisten, insbesondere nach dem Jahr 2000. Diese Gesichtspunkte werden statistisch über den Zeitverlauf erfasst und historisch interpretiert. Einem tieferen Verständnis dienen knappe Epochenskizzen zu fachlichen Innovationen und disziplinären Entwicklungen, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind. Die umfassend dokumentierten Ergebnisse der Arbeit belegen, dass die enge Verbindung zwischen Chirurgie und Kunst keineswegs auf die Vormoderne beschränkt ist. Im Gegenteil: Das Sujet der „Operation“ spielt auch im 20. Jahrhundert und bis zur Gegenwart eine bedeutende Rolle. Die hier erstmals systematisch erfasste und ausgewertete Sammlung argumentiert dafür, realistisch gestaltete Kunstwerke, die chirurgische Szenen als „Momentaufnahmen bei der Arbeit“ zeigen, als wertvolle Quelle der medizinischen Alltagsgeschichte anzusehen und diesen Zeugnissen größere wissenschaftliche Beachtung zu schenken. Nicht zuletzt ermuntern die Resultate, zukünftig weitere Bildquellen in interdisziplinärer Zusammenarbeit zu erschließen.
| Item Type: | Thesis (PhD thesis) |
| Creators: | Creators Email ORCID ORCID Put Code Herb, Elisabeth elli.herb@web.de UNSPECIFIED UNSPECIFIED |
| Contributors: | Contribution Name Email Censor Karenberg, Axel ajg02@uni-koeln.de |
| Corporate Creators: | Institut für Geschichte und Ethik der Medizin |
| URN: | urn:nbn:de:hbz:38-794559 |
| Date: | 2025 |
| Language: | German |
| Faculty: | Faculty of Medicine |
| Divisions: | Faculty of Medicine > Geschichte und Ethik der Medizin |
| Subjects: | Medical sciences Medicine |
| Uncontrolled Keywords: | Keywords Language Chirurgie UNSPECIFIED Bild UNSPECIFIED Kunst UNSPECIFIED Malerei UNSPECIFIED Geschichte UNSPECIFIED |
| Date of oral exam: | 30 September 2025 |
| Referee: | Name Academic Title Karenberg, Axel Professor Dr. med. Henkel, Dennis Privatdozent Dr. med. |
| Refereed: | Yes |
| URI: | http://kups.ub.uni-koeln.de/id/eprint/79455 |
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