Bode, Henry
ORCID: 0000-0002-7515-6996
(2026).
Schilddrüsenfunktionsstörungen und klinische Depression – Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse populationsbasierter Studien.
PhD thesis, Universität zu Köln.
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Abstract
Klinisch präsentieren sich Störungen des Schilddrüsenhormonhaushaltes häufig auch mit neuropsychiatrischen Symptomen. Diese bestehen unter anderem aus gedrückter oder gereizter Stimmung, psychomotorischer Verlangsamung, Agitation, innerer Unruhe und Schlafstörungen. In der klinischen Praxis sollte bei der differentialdiagnostischen Abklärung einer Depression daher auch immer eine Kontrolle der Schilddrüsenfunktion erfolgen. Insbesondere für die Schilddrüsenunterfunktion gilt dabei eine Assoziation mit depressiven Störungen als gesichert und ein Kausalzusammenhang zwischen beiden Erkrankungen als wahrscheinlich. Ob Schilddrüsenfunktionsstörungen jedoch wirklich zu depressiven Erkrankungen führen, und wenn ja wie häufig, ist wissenschaftlich bisher noch nicht eindeutig belegt. Bisherige epidemiologische und meta-analytische Untersuchungen zeigen stark variierende, teils widersprüchliche Ergebnisse. In der vorliegenden Arbeit werden die Ergebnisse zweier Meta-Analysen dargestellt, die jeweils die Assoziation zwischen hypothyreoten sowie hyperthyreoten Störungen und klinisch relevanter depressiver Symptomatik untersuchten. Außerdem werden mögliche populationsspezifische Zusammenhänge sowie Implikationen für die klinische Praxis diskutiert. Zusammenfassend zeigte sich in den durchgeführten Meta-Analysen ein signifikanter Zusammenhang zwischen Schilddrüsenfunktionsstörungen und Depressionen. Dieser bestand sowohl für die Schilddrüsenüber- als auch -unterfunktion und war bei manifesten Störungen stärker als bei latenten. Die vorliegende Untersuchung stellt dabei die erste meta- analytische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Hyperthyreose und Depressionen dar. Verglichen mit vorherigen Meta-Analysen anderer Autoren waren die von uns gefundenen Assoziationen weniger ausgeprägt, was vermutlich auf einen geringeren Grad an Verzerrung in unserer Studienselektion zurückzuführen ist. Die Ergebnisse unserer Meta-Analysen erwiesen sich zudem als robust in Sensitivitätsanalysen mit Einschränkung auf prospektive Kohortenstudien und Studien mit geringem Verzerrungsrisiko. Ein weiteres Novum der vorliegenden Arbeiten stellt die meta-analytische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Thyreoperoxidase-Antikörper-Seropositivität und Depression dar. Ein signifikanter Effekt fand sich in dieser Untersuchung jedoch nicht. In Subgruppenanalysen präsentierte sich schließlich ein mögliches Geschlechter-Differential: Hypothyreose war bei Frauen ausgeprägter mit Depressionen assoziiert als bei Männern, Hyperthyreose hingegen zeigte bei Männern stärkere Effekte. Diese Beobachtung basierte 7 allerdings auf wenigen Studien und wurde möglicherweise besonders stark durch ein Reporting-Bias beeinflusst. Subgruppenanalysen zur Identifikation altersspezifischer Effekte blieben ohne relevantes Ergebnis. Pathomechanistisch ist eine Vielzahl wechselseitiger Zusammenhänge zwischen Schilddrüsenstörungen und Depression denkbar. Direkte Effekte der Schilddrüsenhormone auf den zerebralen Neurotransmitterstoffwechsel und die Neuroplastizität, aber auch inflammatorische Prozesse und gemeinsame genetische Risikofaktoren könnten eine Rolle spielen. Neben diesen biologischen Aspekten existieren möglicherweise auch psychosoziale Auswirkungen. Schilddrüsenerkrankungen gehen ebenso wie andere chronische Erkrankungen mit einer hohen subjektiven Krankheitslast einher. Diese kann wiederum das Risiko für depressive Erkrankungen erhöhen. Nicht jedes Individuum mit einer Schilddrüsenstörung entwickelt eine Depression. Zukünftige Forschung sollte daher versuchen zu verstehen, welche Individuen besonders anfällig für schilddrüsenassoziierte Depressionen sind. Möglicherweise spielt das biologische Geschlecht dabei eine Rolle. Auch gilt es weiter zu untersuchen, über welche Mechanismen sich Schilddrüsenhormone und -störungen auf das Gehirn auswirken und inwiefern diese therapeutisch nutzbar gemacht werden können. Wichtig ist hier unter anderem die weitergehende Erforschung zerebraler Folgen der Hyperthyreose. Aber auch therapeutische Ansätze wie die Levothyroxin-Augmentation sollten, insbesondere hinsichtlich der Frage, welche Patienten davon besonders profitieren, weiter untersucht werden. Abschließend lässt sich festhalten, dass das Zusammenspiel zwischen Schilddrüsenstörungen und Depression komplex und multifaktoriell ist. Sowohl biologische als auch psychosoziale Aspekte scheinen eine Rolle zu spielen. Die Ergebnisse dieser Arbeit stellen jedoch das weit verbreitete Paradigma des ausgeprägten Zusammenhangs zwischen Schilddrüsenunterfunktion und Depression in Frage. Ein Effekt existiert, ist allerdings deutlich schwächer als bisher angenommen und unterscheidet sich nicht wesentlich von dem der Schilddrüsenüberfunktion. Insgesamt ist der Einfluss von Schilddrüsenstörungen auf Depressionen als moderat einzustufen, und es scheint von ihnen kein Risiko auszugehen, das wesentlich über das anderer chronischer Erkrankungen hinausgeht.
| Item Type: | Thesis (PhD thesis) |
| Creators: | Creators Email ORCID ORCID Put Code |
| URN: | urn:nbn:de:hbz:38-800024 |
| Date: | 2026 |
| Language: | German |
| Faculty: | Faculty of Medicine |
| Divisions: | Faculty of Medicine > Psychiatrie und Psychotherapie > Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie |
| Subjects: | Medical sciences Medicine |
| Uncontrolled Keywords: | Keywords Language Schilddrüse German Depression German Meta-Analyse German |
| Date of oral exam: | 15 December 2025 |
| Referee: | Name Academic Title Baethge, Christopher Jan Prof. Dr. med. Häussermann, Ralf-Peter Prof. Dr. med. Chiapponi, Constanza Prof. Dr. med. |
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| Funders: | Koeln Fortune Program/Faculty of Medicine, University of Cologne (grant 389/2020) |
| Refereed: | Yes |
| URI: | http://kups.ub.uni-koeln.de/id/eprint/80002 |
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https://orcid.org/0000-0002-7515-6996